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Zuhause ist dort, wo man leben kann!
Er saß auf der Veranda des großen, aber leeren und
baufälligen Hauses und las das letzte Buch, das aus der riesigen Bibliothek
seines Großvaters noch geblieben war. Goethes Faust! Immer wieder ging er von
Aufzug zu Aufzug und jedes Mal entdeckte er etwas Neues. Goethe war für ihn
Deutschland, er kannte es fast auswendig und hatte nur einen Wunsch, in
Deutschland zu leben. Was ihn verunsicherte war bloß, wie ein solches
Kulturvolk einem Hitler hatte verfallen können. Sollten Goethe, Schiller und
Heine einfach Ausnahmen oder der Versuch die Juden zu vernichten ein Ausrutscher
gewesen sein.
Sein Großvater hatte damals für die deutschen
Kolonialherren gearbeitet. Diese wendeten die gleiche Taktik an, wie die
Engländer oder Franzosen. Sie suchten sich eine von den Eingeborenen
unterdrückte Minderheit aus, bildeten sie aus, und ließen von diesen dann die
koloniale Schmutzarbeit verrichten. Das bedeutete im Allgemeinen, dass man
die Eingeborenen durch eine Minderheit der Eingeborenen kontrollieren und
dirigieren ließ. Das System funktionierte perfekt, untere Gesellschaftsschichten
halten nicht zusammen, sie treten sich gegenseitig in der Hoffnung, ein
bisschen höher zu stehen, als der nebenstehende.
Als nach dem 1. Weltkrieg die Deutschen gegangen waren,
kamen die Engländer, aber für die Eingeborenen änderte sich nur die Kontaktsprache
zu den Kolonialherren. Sein Großvater wollte natürlich seine Stellung halten,
deshalb erlernte er auch die Englische und zur deutschen Bibliothek gesellte
sich eine Englische. Der alte Mann war sehr weitsichtig und prophezeite, dass
das letztere bleibt. So sollte sein Enkel auch das Angelsächsische lernen.
Aber mit Shakespeare konnte er einfach nichts anfangen. Das war ihm zu
chaotisch. Es gab Stellen, bei denen man genau aufpassen musste, um zu
bemerken, dass die Handlung des Stückes plötzlich auf einen anderen Standort
umgezogen war. Es ist richtig, dass auch der Mensch mehr einem vom Wind
verwehten Blatt gleicht, als einem tiefverwurzelten Baum, aber gewisse
Grundzüge dürfen dem denkenden Tier doch zugesagt werden. Zudem ähnelte die
in Shakespeare angewandte Sprache mehr dem Kneipenjargon, als der gehobenen
des Hofes zum Beispiel von Edmund Spencer. Aber hier auf seiner afrikanischen
Veranda schien das alles sehr weit weg.
Wenn er die Nachrichten bei British Broadcast und Radio
France Internationale verglich, musste er feststellen, dass die Franzosen
ihrem Rousseau und seinen Les Confessions treu geblieben, und weniger
geldgierig von wirtschaftlichen Interessen, als die Engländer, geleitet
waren.
Seine Vorstellungen über die Amerikaner waren gespalten.
Da gab es einen Busch, der einen göttlichen Befehl erhalten haben wollte und
dann sofort eine 180 Grad Wendung mit einem Halbschwarzen, der in die Welt
hinausposaunte: „We can!“ Aber die Wirklichkeit blieb weiterhin:
Amerikanische Soldaten in Nigeria, im Irak und in Afghanistan, die
Unterstützung des Staates Israels, wobei Millionen von Palästinensern
vertrieben worden waren, obwohl sich Juden und Araber vorher doch wesentlich
besser verstanden hatten, als mit den intoleranten Christen, die jedem ihren
Glauben aufzwingen wollten.
Dann waren da die Russen, die immer die unterstützten,
die gegen die Amerikaner waren. Und die Chinesen, die zwar wenigstens keine
nachteiligen Kredite an Länder der dritten Welt vergaben, aber grundsätzlich
alle Arbeiten selbst verrichteten und der Bevölkerung des Gastlandes nichts
gaben und als Gegenleistung dem Land seiner Bodenschätze beraubten.
Heute gibt es viele, die die alten Kolonialherren
vergöttlichten, da seit der Unabhängigkeit Bürgerkrieg herrschte. Besonders
wenn Wahlen auf der Tagesordnung standen, war es gefährlich in den nächsten
Bezirk zum Markt zu gehen.
Er hatte Archäologie studiert und dabei viel über die
alte Kultur Afrikas gelernt, hauptsächlich von ausländischen Forschern, die
zwar keine Bodenschätze, aber historische Funde raubten.
Aber umso härter der Bürgerkrieg tobte, desto weniger
ließen sich Forscher blicken, die eines ausgebildeten Archäologen mit
ausgezeichneten Sprachkenntnissen bedurften. Außerdem war wieder die alte
Mehrheit an der Macht, die natürlich noch immer nicht sehr viel über
Demokratie und tolerantes Verhalten gelernt hatte, dass Mehrheit nicht
bedeutet, alles machen zu dürfen, dass Demokratie nicht die Diktatur der
Mehrheit ist, und deshalb alle Minderheiten unterdrückte.
Aus diesem Grund hatte langsam alles verkauft werden
müssen, auch seine geliebte Bibliothek, nur Goethes Faust hatte er verstecken
und somit retten können. Seine Schwestern waren verheiratet worden, seine
Brüder und Eltern waren alle emigriert. Jetzt war er der letzte in dem großen
Haus.
Aber diese feige Mehrheit wusste, dass er nun allein hier
war, und wurde immer mutiger. Zuerst hatten sie seinen Hund vergiftet, dann
Fenster eingeworfen und schließlich den kleinen Schuppen hinter dem Haus
angesteckt. Doch, was das Schlimmste war, dass Freunde und Nachbarn sich
nicht mehr gern in seiner Gesellschaft zeigten, weil sie Angst hatten, die
nächsten Opfer zu sein. Ahnten sie denn nicht, dass sie früher oder später
sowieso selbst an die Reihe kommen würden? Worauf hofften sie? Er schämte
sich seiner Nationalität. Aber wohin gehen? Und vor ihm erschienen die Bilder
aller 5 Brüder, die vor ihm versucht hatten, nach Europa auszuwandern.
Dem ersten hatte man zum günstigen Preis von einer Kuh
einen Reisepass gekauft, eine weitere kostete der Visumstempel darin, den die
Familie dank ihrer alten Verbindungen ergattern konnte. Er flog also ganz
legal nach Europa, wollte dort Arbeit finden, dann seine Situation
legalisieren und jeden Monat Geld schicken, um die Familie zu unterstützen. Aber
nach Ablauf seines dreimonatigen Visums wurde er von der Polizei zuerst
festgenommen, und dann ins Flugzeug gesetzt, das ihn zurückbrachte. Bevor er
aber zu Hause hatte ankommen können, überfuhr ihn nachts ein Lastwagen auf
der Landstraße.
Der zweite hatte sich, weil er kein Visum bekommen
konnte, für eine Menge Geld einem Schmuggler anvertraut, der von sich
behauptete, gute Verbindungen bis nach Europa zu haben, und ihm dort sogar zu
einem Arbeitsplatz verhelfen könne. Er verdurstete wahrscheinlich in der
Sahara.
Der dritte schickte noch eine Karte aus Libyen, aber
danach war er verschwunden.
Der vierte saß auf einer Insel vor der europäischen Küste
in einem Lager für illegale Einwanderer und wartete auf seine Verhandlung und
wahrscheinlichen Rückflug.
Und der fünfte war er. Nachdem der Res der Familie ins
Nachbarland geflohen war, und ihre Tage in einem Flüchtlingslager fristeten,
das große Haus immer mehr einer Bruchbude glich, blieb ihm eigentlich fast
nichts anderes übrig, als es auch zu versuchen. Er hatte so lange wie möglich
ausgehalten, wollte seinen Goethe auf der Veranda nicht verlassen, aber jetzt
wurde es unerträglich.
Eines Nachts machte er sich dann auf den Weg, oder
besser, er schlich sich aus dem Dorf, um nachfliegenden Steinen als Abschiedsgeschenk
zu entgehen. Die Veranda hatte er zu Hause lassen müssen, aber der Goethe
steckte gut verpackt in seinem Rucksack. In langen schlaflosen Nächten sollte
er in immer wieder lesen.
Heute lebt er in Europa, er hatte es geschafft. Von
seinen Angehörigen weiß er nichts. Seine Frau ist eine Halbnegerin. Obwohl er
heute als Archäologe in einem Museum arbeitet und dort wegen seiner
Gewissenhaftigkeit geschätzt wird, ist es ihm nicht vollständig gelungen,
sich einzugliedern, weil der Rassismus, zwar stattlich zurückgedrängt wird,
doch die ganze Gesellschaft färbt. Normal mit ihm zu sprechen, ist für viele
Leute kein Problem, aber auf den Markt geht er nicht gern, sondern kauft
lieber im Supermarkt ein. Für die Familie einer weißen Freundin war er
problematisch, und die Hand reichen ihm wenige. Seinen Goethe schlägt er nur
noch selten auf. Der größte aller Dichter war in den Augen des Einwanderers
ein Träumer.
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Zuhause ist dort, wo man leben kann!
Sonntag, 30. August 2015
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